CH-Pop

Jaël Trio

Nothing to Hide

Nothing to Hide

Wenn einer lacht, obwohl er weinen möchte. Wenn eine schweigt, obwohl es in ihr schreit. Wenn es einfach nicht stimmt: Dann hat Jaël das gespürt, schon als Kind. Hat sich selbst oft angepasst. Hat selbst gelacht, wenn sie hätte schreien wollen. Doch heute weiss die 40-Jährige, die seit über zwanzig Jahren auf der Bühne steht, wer sie ist und was sie will. Ihr Weg war ihr Ziel: 2015 erschien mit «Shuffle the Cards» das erste Soloalbum der ehemaligen Lunik-Frontfrau. Es folgten unzählige Auftritte mit Band, als Trio und mit Orchester. Auf ganz grossen und ganz kleinen Bühnen. Im Juli 2018 präsentierte Jaël ihr Livealbum «Orkestra» (2017) am Montreux Jazz Festival. Ein Meilenstein für die Singersongwriterin, die auch in der Musik gefunden hat, wonach sie im Leben strebt – Authentizität. Ohne Fakes und Kompromisse. «Einen Hit landen? Gern, aber nicht um jeden Preis», sagt die Bernerin, die 2017 Mutter eines Jungen geworden ist. «Ich will Musik machen, die ich liebe, und Geschichten erzählen, die berühren. Das ist das Wichtigste.» Auf «Nothing to Hide», dem zweiten Soloalbum von Jaël, finden sich solche Geschichten.

Da ist zum Beispiel die Geschichte mit dem Zeichen: «If you’re waiting for a sign, this is it», stand vor zehn Jahren an einer Tür. Jaël war gerade dabei, eine Entscheidung zu treffen: Für eine Weile nach London ziehen oder in Bern bleiben? Das Zeichen war klar. Es prangte nicht an irgendeiner Tür, sondern an der Toilettentür der Tate Gallery of Modern Art in London. Die Musikerin folgte dem Wink, lebte eine Weile in der britischen Metropole und hat es nicht bereut. Und nun ist der leichtfüssige, schwelgerische Popsong «Waiting for a Sign» – die erste Single des Albums – womöglich das erhoffte Zeichen für andere.

Da ist auch die Geschichte mit der Liebe: Im zweisprachigen Duett «No Matter What» singt die Künstlerin gemeinsam mit dem französischen Sänger Roman Chelminski (Backing Vocals von Patrick Bruel und Aliose) – und feiert das, was aus der Verliebtheit werden kann: «I know there will be ups and downs / while the years are passing by / no matter what, no matter what – I’ll stay». Und da ist die Geschichte mit der Wahrhaftigkeit: «Done with Fake», der Einstiegssong, beginnt nur mit einem Herzschlag. Sanft steigt das Piano ein und trägt den Herzschlag mit sich fort. Es folgen die Gitarre und schliesslich die Streicher, bis die Strophe in einem Statement mündet: «So today I’ll open up and show you who I really am / and if you can’t handle it that’s your problem / the curtain has fallen.»

Musikalisch verbindet die Songs das Handgemachte, Warme, Schnörkellose. Gitarre, Piano und Streicher dominieren, elektronische Spielereien hat Jaël hinter sich gelassen. Geblieben sind der Sinn für starke Melodien und eingängige Refrains. Jaëls Stimme hat noch an Tiefe gewonnen, ohne an Zartheit einzubüssen. Während der Entstehungsphase des Albums standen Jaël Ex-Lunik-Kollege Cédric Monnier (Piano) und Domi Schreiber (Gitarre) zur Seite. Im Studio kamen Simon Britschgi (Drums) und Marco Blöchlinger (Bass) hinzu. Beide waren bereits bei der «What is next»-Tour von Lunik im Jahr 2012 mit dabei. Produziert und aufgenommen wurden die neuen Songs bei Thomas Fessler in Zürich (77 Bombay Street, Adrian Stern, Sina u.v.m.).

«Nothing to Hide» ist ein leises Wunderwerk geworden. Berührend, reif und wahr. The curtain has fallen – wir sehen dich, Jaël.

×